Gastbeitrag: Viele Migranten arbeiten unterhalb ihrer Qualifikation

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Ein Fachkräftemangel zeigt sich in Deutschland bereits heute in einigen Branchen, in Zukunft wird er sich weiter zuspitzen. Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Deutschland braucht ausländische Fachkräfte. Beate Spyrou, Projektleiterin vom IQ Netzwerk Hamburg – NOBI, berichtet in ihrem Gastbeitrag von Maßnahmen, die auf die Anerkennung von Auslandsqualifikationen und die berufliche Integration von Migranten in Hamburg abzielen.

Betrieben in Hamburg fällt es zunehmend schwer, geeignetes Personal zu finden. Rund ein Viertel (24,5 Prozent) der Hamburger Industrie- und Handelsunternehmen konnte bereits 2012 offene Stellen nicht besetzen. Und: Der Engpass wird sich in Zukunft noch zuspitzen. Nach Prognosen des Statistischen Bundesamtes wird in Hamburg ab 2020 der Umfang der erwerbsfähigen Bevölkerung Jahren schrumpfen – Ursache ist der Demografiewandel. Während die Zahl der Arbeitskräfte zurückgeht, steigt hingegen der Bedarf an Fachkräften bei den Hamburger Unternehmen.

Fachkräfte fehlen im MINT- und im Gesundheitsbereich

Ist vom Fachkräftemangel in Deutschland die Rede, dann zeigt sich: Zwar herrscht noch kein flächendeckender Engpass, jedoch zeigt er sich in bestimmten Branchen und Regionen. So fehlen Fachkräfte vor allem in technischen Branchen wie Maschinen- und Metallbau, Elektro(nik)berufe, Klempnerei, Sanitär, Heizung und Klimatechnik sowie im Bereich Gesundheit und Pflege, Ärzte, Pflege- und Altenpflegekräfte. Werfen wir einen Blick auf die Größenordnung: Laut der Bundesagentur für Arbeit (BA) gibt es bis 2025 in Deutschland rund 6,5 Millionen weniger Erwerbspersonen, somit auch weniger Fachkräfte mit einer mindestens zweijährigen Berufsausbildung oder einem Hochschulabschluss.

Viele qualifizierte Migranten arbeiten unter ihrer Qualifikation

Die Kehrseite der Medaille ist: Viele qualifizierte Migranten arbeiten unterhalb ihrer Qualifikation. Und unter den Arbeitslosen mit Migrationshintergrund zeigt sich zwar, dass mehr als zwei Drittel der Arbeitslosen keinen formal anerkannten Berufsabschluss haben. Doch Vieles spricht dafür, dass dieser hohe Anteil auch eine Folge fehlender formaler und in Deutschland anerkannter Qualifikationen ist.

Das IQ Netzwerk Hamburg – NOBI hat sich vor diesem Hintergrund zur Aufgabe gemacht, Zuwanderer und Flüchtlinge besser in den Hamburger Arbeitsmarkt zu integrieren – mithilfe von Beratungen, Schulungen und Qualifizierungen, die auf die Anerkennung der ausländischen Qualifikation abzielen. Denn seit Inkrafttreten des Anerkennungsgesetzes in 2012 können Personen ihren ausländischen Abschluss auf seine Gleichwertigkeit mit dem entsprechenden deutschen Abschluss prüfen und ihn formal anerkennen lassen.
Ergeben sich bei der Gleichwertigkeitsprüfung wesentliche Unterschiede in Bezug auf den Inhalt oder die Dauer der Ausbildung, so können diese durch entsprechende Qualifizierungsmaßnahmen ausgeglichen und in Folge der Abschluss voll anerkannt werden.

Hamburg: Fast 2000 Anträge auf Anerkennung von Auslandsqualifikation

Menschen, die in unserem Netzwerk Beratung oder Qualifizierung in Anspruch nehmen, kommen oft aus der Gesundheitsbranche und insbesondere Sprachkurse für Ärzte, Gesundheits- und Krankenpfleger, Physiotherapeuten oder auch Diätassistenten sind sehr gut nachgefragt .
Aber auch an Anpassungsqualifizierungen für duale Berufe wie Elektroniker, KFZ-Mechatroniker und Friseure ist das Interesse groß gefolgt von Tischlern, Maurern, Zahntechnikern, Anlagenmechanikern oder für Ingenieure.

Allein in Hamburg haben in den ersten drei Jahren nach Einführung des Anerkennungsgesetzes fast 2.000 Menschen einen Antrag auf Anerkennung gestellt – mit stark steigender Tendenz. Rund die Hälfte der bereits beschiedenen Anträge ergaben eine volle Gleichwertigkeit. Damit können die Menschen sofort wieder als anerkannte Fachkräfte in ihrem Beruf arbeiten. Bei jedem dritten Antragsteller war ein Zwischenschritt erforderlich: eine Anpassungsqualifizierung. 428 Personen wurden seit 2015 bis 30.06.2016 durch Angebote im IQ Netzwerk Hamburg – NOBI qualifiziert und so zur Anerkennung ihres Berufsabschlusses geführt.

Das in der Handwerkskammer angesiedelte IQ Netzwerk Hamburg – NOBI (Netzwerk zur beruflichen Integration von Migrantinnen und Migranten) arbeitet im Rahmen des bundesweiten Förderprogramms IQ und wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales, vom Europäischen Sozialfonds und in einigen Teilprojekten auch von der Freien und Hansestadt Hamburg finanziert. Mit seinen 20 Teilprojekten unterstützt NOBI unter anderem die Umsetzung der Anerkennungsgesetze des Bundes sowie der Freien und Hansestadt Hamburg.

Auch in unserem Blog: Geflüchtete in den Arbeitsmarkt zu integrieren, ist eines der zentralen innenpolitischen Themen in Deutschland. Unternehmen sind aufgerufen, Engagement zu zeigen – aber auch Sensibilität. Ein Gastbeitrag von Tina Lachmayr, Leiterin der Fachstelle interkulturelle Kompetenzentwicklung und Antidiskriminierung des IQ-Netzwerkes.

2 thoughts to “Gastbeitrag: Viele Migranten arbeiten unterhalb ihrer Qualifikation”

    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar und Ihren Hinweis.
      Haben die Freunde Ihres Freundes ein Anerkennungsverfahren durchlaufen, um ihre Abschlüsse auf Gleichwertigkeit checken zu lassen? Oder wäre ein Anerkennungsverfahren vielleicht erst noch eine Option?

      Rund um dieses Thema haben wir einige Beiträge zum Thema Anerkennung der Qualifikation, die vielleicht nützlich sind. Das IQ-Netzwerk und die Website Anerkennnung in Deutschland sind sonst auch wichtige Anlaufstellen für diesen Bereich.

      Die kostenlose Anerkennungsberatung, die je nach Beruf in der Handelskammer, der Handwerkskammer etc. stattfindet, ist auch ein Tipp, den Sie weitergeben könnten!

      Eine wichtige Info ist auch, dass vor Kurzem ein Anerkennungszuschuss eingeführt wurde (vorerst für drei Jahre). Unter bestimmten Voraussetzungen kann man beantragen, für die entstehenden Kosten des Anerkennungsverfahrens einen Zuschuss zu erhalten.

      Für den Fall, dass die Bekannten Ihres Freundes bereits ein Anerkennungsverfahren hinter sich haben:
      Wissen Sie, ob die Migranten einen Ablehnungsbescheid oder einen Bescheid über eine Teilanerkennung bekommen haben? Bei rechtlichen Dingen ist es immer gut, jemanden an der Seite zu haben, der sich mit Behörden auskennt und im Zweifel vielleicht sogar Widerspruch einlegen kann.
      Zum Beispiel kann man sich an eine Stelle wenden, die Anerkennungsberatung anbietet, oder direkt an einen Rechtsanwalt.
      Wenn jemand keine Zertifikate für seinen Beruf hat, gibt es auch Möglichkeiten, eine Prüfung abzulegen, um seine beruflichen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen (Kompetenzfeststellung). Das kann einem im Einzelfall eine mehrjährige Ausbildung ersparen.

      Bei Employland arbeiten wir mit Rechtsanwälten zusammen, um Fachkräften und Unternehmen die behördlichen Prozesse so einfach wie möglich zu machen. Eine Registrierung kann sich lohnen, wenn man noch auf der Suche nach einem Job in Deutschland ist.

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