Geflüchtete: Engagement und Sensibilität von Unternehmen sind gefragt

Geflüchtete Flüchtlinge beschäftigen Engagement Unternehmen

Geflüchtete in den Arbeitsmarkt zu integrieren, ist eines der zentralen innenpolitischen Themen in Deutschland. Unternehmen sind aufgerufen, Engagement zu zeigen – aber auch Sensibilität. Die besondere Lebenssituation von Geflüchteten bedarf auch der Beachtung. Ein Gastbeitrag von Tina Lachmayr, Leiterin der Fachstelle interkulturelle Kompetenzentwicklung und Antidiskriminierung des IQ-Netzwerkes. Sie berät Betriebe in Sachen Diversity Management und Willkommenskultur.

Die größte Herausforderung sind Deutschkenntnisse: Sie sind ein wichtiger Schlüssel für die Integration in den deutschen Arbeitsmarkt. Dies gilt für alle Migrationsgruppen. Geflüchtete jedoch hatten in der Regel kaum die Chance, Deutsch zu lernen – anders als etwa ausländische Studierende, die sich auf das Leben und das Studium in Deutschland vorbereiten konnten. Mit dem Inkrafttreten des neuen Integrationsgesetzes im August 2016 – und bereits davor – haben Geflüchtete mehr Möglichkeiten, Deutsch zu lernen. Das gilt aber nicht für alle Flüchtlingsgruppen. Den Vorzug durch das Gesetz erfahren Asylbewerber mit guter Bleibeperspektive: Sie können, während ihr Asylverfahren läuft, freiwillig an einem Integrationskurs teilnehmen – wenn es freie Plätze gibt. Wurde das Verfahren dann positiv beschieden, sind sie sogar zum Integrationskurs verpflichtet.

Freie Plätze in Integrationskursen sind rar

Eine „gute Bleibeperspektive“ bedeutet: Wenn die Schutzquote bei über 50 Prozent liegt, das heißt, wenn mehr als die Hälfte der Asylverfahren von Personen aus dem jeweiligen Herkunftsland positiv beschieden werden. Das trifft im Moment auf die Länder Eritrea, Irak, Iran, Syrien und Somalia zu.
Asylbewerber, die keine gute Bleibeperspektive haben, können nicht an einem Integrationskurs teilnehmen, während ihr Verfahren läuft. Geduldete hingegen, deren Asylverfahren negativ beschieden wurde, können nur teilweise an einem Integrationskurs teilnehmen, dies ist abhängig vom jeweiligen Duldungsstatus. Die Voraussetzung ist aber auch hier: Es müssen freie Plätze da sein. Ein Knackpunkt, denn freie Plätze sind rar, die Nachfrage liegt weit über dem Angebot.

Nicht für jede Tätigkeit sind perfekte Deutschkenntnisse nötig

Trotzdem zeigt sich auf dem Arbeitsmarkt, dass vor allem berufsbezogene Deutschkenntnisse fehlen. Zwar gibt es auch hier mittlerweile verstärktes Unterstützungsangebot, jedoch noch nicht ausreichend und flächendeckend. An dieser Stelle sind auch die Unternehmen selbst gefragt. Wer gut qualifizierte Mitarbeitende haben möchte, muss vielleicht selbst in die Ausbildung investieren. Oder auch sein eigenes Anforderungsprofil überdenken: Nicht für jede Tätigkeit sind perfekte Deutschkenntnisse nötig.

Unternehmen sollten Sprachkenntnisse fördern

Ein positives Beispiel zeigt eine Hotelleriekette mit Hauptsitz in München. Das Unternehmen ermöglichte zehn Flüchtlingen ein mehrmonatiges Praktikum, flankiert von einem berufsbezogenen Deutschkurs vor Ort. Ein Großteil wurde anschließend in eine Ausbildung übernommen.
Unternehmen, die Flüchtlinge beschäftigen möchten, müssen sich neben dem Thema Förderung von Deutschkenntnissen auch mit ausländerrechtlichen Fragen auseinandersetzen. Der Zugang zum Arbeitsmarkt steht nicht allen Flüchtlingsgruppen offen. Asylbewerber im laufenden Verfahren haben nach drei Monaten einen Zugang zum Arbeitsmarkt. Personen mit einer sogenannten Duldung haben teilweise ein Arbeitsverbot, teilweise dürfen sie arbeiten – je nach Status. Eine Absprache mit der örtlichen Agentur für Arbeit und ggf. der Ausländerbehörde ist zwingend erforderlich, da Genehmigungen eingeholt werden müssen.

Patensysteme sind nützlich, um Einstieg in den Betrieb effektiv zu gestalten

Ist der Einstieg in das Unternehmen geschafft, braucht es vielleicht eine Zeit, sich im Unternehmen zurechtzufinden. Die Kollegen sind neu, die Tätigkeit, aber vielleicht auch die Arbeitsgepflogenheiten und die Unternehmenskultur. Hier braucht es mit Sicherheit am Anfang etwas mehr Begleitung und Unterstützung. Gerade Patensysteme oder sogenannte „Kümmerer“ im Unternehmen bieten sich hier hervorragend an, um die Einstiegszeit effektiv zu gestalten.

Schlafmangel in Gemeinschaftsunterkünften sind ein Problem

Natürlich ist auch die spezifische Lebenssituation von Geflüchteten nicht zu unterschätzen. Bei einer Veranstaltung des IQ-Netzwerks berichtete eine Wohnungsbaugesellschaft über seine Beschäftigung von Geflüchteten: Sie müssen um 5.30 Uhr morgens aufstehen, mit dem Fahrrad bei jedem Wetter zur Arbeit fahren und um 6.30 Uhr mit der Arbeit beginnen. Sie leben in einer Gemeinschaftsunterkunft und teilen sich ein Zimmer mit sechs Personen, wo bis nachts um zwei Uhr die Neonröhre brennt, sich andere Menschen aufhalten, reden, diskutieren – an Schlaf ist kaum zu denken. Gerade in Gemeinschaftsunterkünften sind die Themen Schlafmangel, fehlende Rückzugsmöglichkeit und fehlender Raum, um in Ruhe zu lernen, ein großes Problem.

Arbeit ist ein Entkommen des sinnlosen Wartens und des Nichtstun

Traumatisierung ist ein weiterer Aspekt: Studien, zum Beispiel von Ärzte ohne Grenzen oder vom UNHCR, gehen von einer großen Anzahl von traumatisierten Geflüchteten aus. Traumatisierung kann sich unterschiedlich äußern: In Ruhelosigkeit, Angstzuständen oder Schlaflosigkeit. Sie kann unter anderem bis zur Arbeitsunfähigkeit führen und eine Therapie ist zwingend erforderlich. Aber trotz aller Vorsicht an dieser Stelle: Arbeit kann sich positiv auf die psychosoziale Situation auswirken, denn es ist ein Entkommen des sinnlosen Wartens und des Nichtstun in einer Gemeinschaftsunterkunft und ein wichtiger Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben.
Es gibt also Herausforderungen für Unternehmen, wenn sie Geflüchtete beschäftigen. Trotzdem ist jeder Fall unterschiedlich. Geflüchtete sind genauso heterogen, wie andere Mitarbeitende auch. Der Fluchthintergrund kann eine Rolle spielen, muss aber nicht zwangsläufig.

Soziale Verantwortung und Fachkräftemangel treiben Betriebe an

Einige Unternehmen, denen wir begegnen nehmen ihr gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein ernst und wollen explizit Geflüchteten eine Chance im Unternehmen geben. Ein zentrales Argument ist aber auch der Fachkräftemangel. Die Unternehmen sind froh, jemanden gefunden zu haben, der motiviert ist – ob mit oder ohne Fluchthintergrund.
Auf alle Fälle können sich Unternehmen Unterstützung durch Netzwerkpartner einholen. Das Netzwerk IQ – Integration durch Qualifizierung kann hier beratend tätig werden.


Weitere nützliche Internetquellen:

IQ-Netzwerk – Integration durch Qualifizierung
KOFA – Fachkräftesicherung für kleinere und mittlere Unternehmen
Deutschland kann das

 

Auch in unserem Blog: Hamburger Arbeitsagentur-Chef Sönke Fock spricht im Interview mit uns darüber, was getan werden muss, damit die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen gelingt. Lesen Sie auch: Mit dem neuen Integrationsgesetz wird in vielen Bezirken die Vorrangprüfung ausgesetzt, so haben Geflüchtete einen erleichterten Zugang zum Arbeitsmarkt. Auch interessant: Das Handwerk braucht Fachkräfte und Lehrlinge, die vielen Geflüchteten im Land eine Perspektive – und die ist am besten durch Integration in den Arbeitsmarkt gegeben. Passt doch! Ein Programm bringt Betriebe und Flüchtlinge zusammen.

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