Ein spanischer Ingenieur in Deutschland berichtet

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Seit mehr als zwei Jahren ist der spanische Ingenieur Manuel Camacho in Deutschland. Das Arbeitsleben gefällt ihm, auch wenn die Deutschen anders ticken als seine Landsleute. Warum er kam und – obwohl es ihm gefällt – seine Zukunft nicht in Deutschland sieht. Wir haben mit ihm gesprochen.

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„Ich liebe den deutschen Timetable in der Arbeitswelt. Da bleibt viel Zeit für Freunde und Ausgehen.“
Manuel Camacho, spanischer Ingenieur.
Foto: Joelle Delvecchio

 

Ein drahtiger Typ, der mit seinem Longboard zum vereinbarten Treffen am Abend in die Café-Bar kommt und sich ein Astra bestellt: Manuel Camacho hat sich gut in Deutschland eingelebt, vor allem auf St. Pauli, wo das lokale Bier fast schon obligatorisch und der Spanier nun zu Hause ist.

Warum gerade Deutschland

Deutschland hat Arbeit, Deutschland braucht Ingenieure. Das sei in den spanischen Medien rauf und runter gelaufen, erzählt der 24-Jährige. Diese Nachrichten haben ihn vor anderthalb Jahren bestärkt, zu seiner Freundin nach Hamburg zu ziehen. Er war optimistisch, hier einen Job zu finden – während die spanische Wirtschaft keine Sicherheiten bot.
„Die Arbeitslosenquote liegt in Spanien bei 26 Prozent. Unternehmen stellen dich ein, feuern dich, stellen dich eine Woche später wieder ein. Selbst, wenn du Arbeit hast, hast du keine Sicherheit“, sagt Camacho.

Easy dank Arbeitnehmerfreizügigkeit

Der Umzug nach Deutschland sei ziemlich spontan gewesen. Im November hatte er die Entscheidung getroffen, im Januar war er  schon in Hamburg. Als Europäer hatte er es dank der Arbeitnehmerfreizügigkeit leicht, was das Aufenthaltsrecht angeht. Sie berechtigt ihn, in jedem EU-Land zu leben und zu arbeiten. Auch die Anerkennung der ausländischen Qualifikation ist in einem Fall wie seinem kein Hindernis, denn die ist im Ingenieursberuf kein Muss: Er kann sich ohne weiteres auf dem deutschen Arbeitsmarkt bewerben und arbeiten. Wofür eine Anerkennung der Qualifikation notwendig ist, ist das Führen der Berufsbezeichnung, denn diese ist in Deutschland reglementiert. Doch: „Für die meisten Tätigkeiten von abhängig Beschäftigten ist es allerdings nicht notwendig,“ wie die Seite Anerkennung-in-Deutschland aufklärt. So war es also in Camachos Fall.

Babys wickeln statt entwickeln

Eine Anstellung als Ingenieur in Deutschland zu finden, war dann aber doch nicht so leicht, wie es die spanischen Nachrichten vermittelt hatten: Rund 50 Bewerbungen habe Camacho an diverse Firmen geschickt. Mit dem Bachelor als Maschinenbauer, dem Master als „industrial engineer“ und zwei Sprachen, englisch und spanisch, fühlte er sich qualifiziert, doch sagt er: „Die meisten Firmen luden mich nicht einmal zum Bewerbungsgespräch ein.“
Drei Monate lang betreute er Kinder, um sich über Wasser zu halten, war anschließend in der Gastronomie tätig. Was ihm fehlte, um Arbeit als Ingenieur zu finden, vermutet er rückblickend, war praktische Erfahrung im Ingenieursalltag. „Alle deutschen Maschinenbau-Absolventen haben während des Studiums Praktika machen müssen. In Spanien war das nicht obligatorisch. Die fehlende praktische Erfahrung war mein Handicap.“

Deutsche Arbeitszeiten attraktiv?

Schließlich vermittelten die Eltern der Kinder, um die er sich zuvor gekümmert hatte, einen Kontakt zu einem Hamburger Unternehmen: Der 24-Jährige konnte sich ein halbes Jahr lang als Praktikant unter Beweis stellen. „Das war eine ziemlich anstrengende Zeit. Ich musste nebenbei weiter in der Gastronomie arbeiten, um mich zu finanzieren.“ Doch das Praktikum hat sich ausgezahlt: Nach sechs Monaten wurde er als Ingenieur angestellt. Und entgegen der fehlenden Freizeit, die er als Praktikant hatte, freut er sich heute über das große Pensum eben dieser:
„Ich liebe den Timetable in der deutschen Arbeitswelt. Um 17 Uhr habe ich Feierabend. Da bleibt viel Freizeit für Ausgehen, Freunde treffen oder Sport. Überstunden sind hier, anders als in Spanien, nicht selbstverständlich. Und wenn ich bisher einen Urlaubstag nehmen wollte, dann hat mein Chef nicht ein Mal ‚Nein‘ gesagt. In Spanien gibt es eine solche Flexibilität nicht.“
Und was er noch an Deutschland mag? Da denkt Camacho nicht lange nach und lächelt: „Mein Gehalt“, sagt er, „im Vergleich zu den Gehältern meiner Freunde in Spanien, die die gleiche Arbeit leisten wie ich und netto um die 1300 Euro verdienen, ist mein Lohn relativ hoch.“

Deutsche trennen zwischen Arbeit und Privatem

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„Spanier, die nach Deutschland kommen sind oft hochqualifiziert und die Leute, die das Land braucht“, sagt Manuel Camacho

Mehrmals im Gespräch hebt der junge Spanier hervor, dass er mit seinem Gehalt entsprechend hohe Steuern zahle. Auch die seien viel höher als in Spanien. Und sein Geld gebe er auch gerne aus: Der Wirtschaft tue er gut, das möchte er offenbar ausdrücklich klarstellen – er hat rassistische Anfeindungen nicht vergessen, als Deutsche ihm unterstellten, er nehme anderen den Arbeitsplatz weg oder er profitiere vom deutschen Sozialsystem. Und er fügt hinzu, dass Spanier, die nach Deutschland kommen, oft hochqualifiziert seien. Somit: Die Leute, die Deutschland mit seinem Mangel an Fachkräften brauche.
Rassistische Erfahrungen habe er zum Glück nicht häufig gemacht. Er fühle sich wohl in Hamburg und habe auch viele deutsche Freunde. Dennoch verbringe er mehr Zeit mit seinen spanischen Freunden.
„Meine Erfahrung ist, dass Deutsche unter der Woche weniger unternehmen, als wir Spanier das generell tun.“ Hinzu komme auch die Beobachtung, dass seine deutschen Kollegen Arbeits- und Privatleben stark trennen. Das sei in Spanien in der Regel anders. Das beginnt bei der Mittagspause: Camacho nehme sich gerne die Zeit, um in Ruhe zu essen und vor allem: in Gesellschaft. Das seien dann meist ausländische Kollegen. „Meine deutschen Kollegen holen sich oft etwas zu essen und verzehren es während der Arbeit vor dem Computer. Sie machen dafür lieber früher Feierabend.“
Und das geht weiter mit Treffen unter den Teammitgliedern. „Es muss immer im Rahmen eines gewissen Events durch das Unternehmen sein. Das Team geht zusammen klettern oder ähnliches. Einfach mal nach der Arbeit privat ein Bier trinken zu gehen, scheint hier unüblich zu sein.“

 Kein Heim-, aber Fernweh!

Dabei tut der gesellige Ingenieur das gern. Ihm gefällt deshalb insbesondere sein Viertel, St. Pauli, und die angrenzende Sternschanze so gut: „Hier gibt es so viele Restaurants mit einer Vielfalt an internationalem Essen. Und ich mag das Ambiente – das Leben auf der Straße. Man holt sich einfach ein Bier vom Kiosk und trinkt es draußen. Auch nachts ist hier viel los.“
Heimweh habe er nicht, sagt Camacho. Und dennoch: „Für immer werde ich trotzdem nicht bleiben. Ich mag das Wetter hier nicht. Schlechtes Wetter schlägt auf die Laune. Zwei, drei Jahre werde ich noch in Deutschland arbeiten und dann vielleicht mal England oder die USA ausprobieren.“

Wie geht es Ihnen: Warum ist Deutschland für Sie ein attraktives Land zum Arbeiten? Haben Sie schon Arbeitserfahrung in einem anderen Land sammeln können?

In Camachos Falle hat sein deutsches Netzwerk ihm geholfen, einen Job zu finden. Wie sieht das bei Ihnen aus? Haben Sie bereits erste Kontakte in Deutschland?

Wir freuen uns über Ihre Geschichten und Kommentare!

 

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Weitere Infos:

Make it in Germany: Ingenieure/Mangelberuf

 

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