Interview: Arbeitsagentur-Chef über Integration von Flüchtlingen

Arbeitsagentur Flüchtlinge Integration

Flüchtlinge gegen den Fachkräftebedarf oder eher: Schafft der deutsche Arbeitsmarkt das? Sönke Fock, Chef der Hamburger Arbeitsagentur, spricht im Interview mit Employland darüber, was zu tun ist, damit die berufliche Integration von Flüchtlingen gelingt .

Employland: Deutschland fehlt es in diversen Bereichen an Fachkräften, auf der anderen Seite werden dem deutschen Arbeitsmarkt bis Ende des Jahres 350.000 Flüchtlinge zur Verfügung stehen. Flüchtlinge gegen den Fachkräftebedarf: Ist das die schnelle Lösung?

Sönke Fock: Eine schnelle Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt gelingt idealerweise über einen qualifizierten anerkannten Berufsabschluss. Das gilt für alle Gruppen des Arbeitsmarktes. Bei den geflüchteten Menschen liegt dieser aber nur selten vor. Nach ersten vorsichtigen Bewertungen liegt ein anerkannter Berufsabschluss bei etwa 28 Prozent der in der Arbeitsagentur Hamburg oder im Jobcenter team.arbeit.hamburg gemeldeten Menschen vor.

Dieser Personenkreis kann rein formal eine entsprechende Tätigkeit aufnehmen, da der Aufenthalt geprüft und gesichert ist. Schwierig wird es aber immer dann, wenn keine oder ungenügende deutsche Sprachkenntnisse vorliegen. Daher gilt es zunächst, eine berufliche, fachliche, persönliche und sprachliche Kompetenzerfassung vorzunehmen, die in eine spätere Kompetenzvermittlung übergeht. Ich habe zahlreiche junge und ältere Flüchtlinge persönlich kennengelernt: Sie vereint der große Wille, über Sprache und Arbeit integriert zu werden. Unterstützt wird diese individuelle Einstellung durch die derzeitig günstige Arbeitsmarktlage, die sich durch Beschäftigungszuwachs und stetig hohe Nachfrage nach Arbeitskräften ausdrückt. Dennoch brauchen Sprachvermittlung, Ausbildung oder Teilqualifizierung einen entsprechend großen Zeitraum. Geduld und anhaltend hohe Motivation sind hier auf beiden Seiten des Arbeitsmarktes gefragt.

Employland: Wie gehen Sie vor?

Sönke Fock: Wir haben in Hamburg gemeinsam mit dem Jobcenter, der Sozialbehörde, der Handwerkskammer und weiteren Partnern aus dem Bereich der Flüchtlingshilfe das Projekt „work and integration for refugees“ (W.I.R.) zur Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen initiiert. Seit zehn Monaten läuft das Projekt und es zeigt sich: Flüchtlinge in Arbeit zu bringen gelingt durchaus. Dennoch braucht es Zeit für intensive Gespräche, Abstimmungen, Vereinbarungen, Prüfungen und persönlicher Begleitung.
Persönliche Erwartungen, berufliche Erfahrungen, bestehende Qualifikationen sind in Übereinstimmung mit den Erwartungen des regionalen Ausbildungs- und Arbeitsmarktes zu bringen. Gibt es hier eine große Überschneidung, müssen praktische Schritte, wie etwa ein kurzes Praktikum, folgen.

Employland: Wie weit ist das Projekt bisher fortgeschritten? Welche Schlüsse können Sie bisher ziehen?

Sönke Fock: Fehlende Deutschkenntnisse sind die größte Herausforderung. Das ist nicht mit einer Integrationsmaßnahme des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge getan oder mit unseren Einstiegskursen. Eine grundsätzliche und ggf. auch schon berufsbezogene Sprachqualifikation ist notwendig. Zudem ist eine umfassende Kompetenzerfassung erforderlich, zunächst durch die Angaben der Betreffenden.

„Kompetenzfeststellung besonders wichtig für die, die ihren Werdegang nicht belegen können“

Nachdem die beruflichen Fertig- und Fähigkeiten erfasst sind, geht es an die Kompetenzfeststellung, das gilt insbesondere für die Personen, die ihren Werdegang nicht durch Dokumente belegen können. Idealerweise laufen diese Schritte parallel oder ineinander, damit kein Leerlauf oder keine großen Wartezeiten entstehen. Zusammen mit den Kammern haben wir Wege verabredet, wie man das umsetzt. Kommissionen aus dem Bildungsbereich erfassen theoretisch und praktisch, ob eine Qualifikation entsprechend der deutschen Berufsstandards vorliegt. Danach kann entschieden werden, wo noch welche Unterstützung notwendig ist.

Employland: Klingt nach einem komplexen Prozess. Also können Sie noch keine Zahlen nennen, wie viele Flüchtlinge im Rahmen von W.I.R. in Arbeit vermittelt wurden? Sie sagten, Sie sind gerade bei der Stufe der Kompetenzfeststellung. Erst danach geht das Ganze ja in die Arbeitswelt über.

Sönke Fock: Das geschieht überwiegend durch ein Praktikum im Betrieb im Rahmen der beschriebenen Maßnahmen. Es gibt zum einen das Orientierungspraktikum, um zu sehen, was der Beruf hier in Deutschland verlangt. Eine andere Möglichkeit ist die Einstiegsqualifizierung, die zwischen sechs und 12 Monaten dauert. Hier wird geschaut, ob die nötige Reife vorhanden ist, eine betriebliche Ausbildung zu bestehen. Des Weiteren gibt es ein Praktikum, das einer Probebeschäftigung gleichkommt. Im Helferbereich können das ein, zwei Tage sein, im Dienstleistungsbereich vielleicht 14 Tage.

„Die wenigsten sind schon vermittelt worden“

Nach der Kompetenzfeststellung ist das eine weitere Basis, um zu klären, was es für den Berufseinstieg noch bedarf. Dann erst kommt der Vermittlungsprozess in Richtung Ausbildung und Arbeit. Deswegen sind die wenigsten jetzt auch schon vermittelt worden.

Employland: Ein weiteres Hindernis für den Arbeitseinstieg kann die Vorrangprüfung sein. Bevor die Bundesagentur für Arbeit der Beschäftigung eines Flüchtlings zustimmt, dessen Asylverfahren negativ oder noch nicht beschieden wurde, prüft es, ob es bevorrechtigte Deutsche oder EU-Bürger gibt, die die Tätigkeit ausüben könnten.

„Nach dem neuen Integrationsgesetz verzichtet Hamburg auf die Vorrangprüfung“

Sönke Fock: Nach dem neuen Integrationsgesetz wird die Bundesagentur für Arbeit in bestimmten Regionen und abhängig von der Arbeitsmarktlage in den jeweiligen Bundesländern auf die Vorrangprüfung verzichten. Hamburg gehört u.a. dazu.
Erwähnen möchte ich an dieser Stelle auch: Flüchtlinge, deren Asylantrag positiv beschieden wurde, haben uneingeschränkten Arbeitsmarktzugang und mussten und  müssen keine Prüfung durchlaufen. Wir haben insbesondere bewertet, ob tariflich oder ortsüblich bezahlt wird, ob die vereinbarte Arbeitszeit eingehalten wird und auch der Urlaubsanspruch vorgeschrieben hoch ausfällt. Das ist nicht allen Arbeitgebern klar gewesen. In Hamburg handelt es sich dabei derzeit immerhin um etwa 14.000 Personen, welche in den Systemen der BA (Grundsicherung) erfasst sind.

Employland: Zum Abschluss bitten wir Sie um eine Stellungnahme. Sprachen wir eingangs davon, ob Flüchtlinge die schnelle Lösung für den Fachkräftebedarf seien, stellt sich nach dem Gesagten nun die Frage: Flüchtlinge integrieren – schafft der deutsche Arbeitsmarkt das?

Sönke Fock: Ja, denn es gibt ja schon sehr viele kreative und integrative Ansätze, die auf Qualifikation, Sprachvermittlung, Ausbildung und letztlich auf Festeinstellung zielen. Wir flankieren mit bewährten Arbeitsmarktinstrumenten, die grundsätzlich allen Gruppen des Arbeitsmarktes offen stehen. Fest steht, dass wir uns trotz der großen Herausforderungen gleichermaßen um Langzeitarbeitslose, Menschen mit Behinderung oder An- und Ungelernte kümmern.

„Integration heißt, auch immer eine berufsbegleitende Weiterbildung im Auge zu behalten“

Sprechen wir von Integration, dann ist für mich aber unerlässlich, dass die betroffenen Flüchtlinge und auch die Unternehmen nicht nur auf kurzfristige Beschäftigung abzielen, sondern immer auch eine berufsbegleitende Weiterbildung im Auge behalten. Wir als Arbeitsagentur unterstützen hier Unternehmen, die ihre an- und ungelernten Mitarbeiter berufsbegleitend und abschlussbezogen qualifizieren möchten.

Auch in unserem Blog: Der Pflegebranche fehlt Personal: Flüchtlinge können eine Chance sein. Im Vergleich zum Vorjahr wurden viel mehr Arbeitserlaubnisse für Flüchtlinge erteilt, mehr dazu lesen Sie hier. Erfahren Sie hier, wie das neue Integrationsgesetz, Flüchtlingen den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert.

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