Interview: Die Top-Herausforderungen für Manager in der Arbeitswelt 4.0

Arbeitswelt 4.0 Management

Wie sieht Führung in der Arbeitswelt 4.0 aus? Welchen Herausforderungen müssen Manager begegnen? Welche Anforderungen herrschen an Führungskompetenz? Diplom-Psychologin und Topmanagement-Beraterin Dr. Constanze Holzwarth gibt Antworten im Employland-Interview. 

Employland: Auf Ihrer Website schreiben Sie „Digitale Transformation, schnell wachsende Innovations- und Veränderungsdynamiken, demographischer Wandel, komplexes globales Umfeld – unter diesen Bedingungen gilt es, Unternehmen heute zu führen und die Mitarbeiter in die Arbeitswelt 4.0 von morgen zu lenken.“
Was bedeutet es, Manager in Deutschland im Kontext dieser Bedingungen zu sein?

Dr. Constanze Holzwarth: Es bedeutet, unter hochkomplexen Bedingungen agieren zu müssen und vor immensen Herausforderungen zu stehen. Manager in der Arbeitswelt 4.0 müssen permanent die Zukunftsfähigkeit ihres Unternehmens im Auge haben. Sie müssen sich laufend eine ganze Reihe von Fragen stellen, vor allem diese:

  • Was sind für unser Unternehmen zukunftsfähige Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle? Wie müssen wir sie anpassen oder verändern?
  • Welche Auswirkungen hat dies auf unsere Organisationsstrukturen und Arbeitsprozesse?
  • Wie muss sich unsere Unternehmens- und Führungskultur verändern?
  • Welche Veränderungen ergeben sich daraus für Führungskräfte und Mitarbeiter?
  • Wie müssen wir die Zusammenarbeit innerhalb des Unternehmens und mit Kunden, Partnern und Zulieferern gestalten?
  • Wie müssen Jobprofile sowie die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter angepasst werden?

Employland: Welche Anforderungen herrschen an die Führungskompetenz und das Führungsverständnis von Managern bzw. welche Qualitäten in der Arbeitswelt 4.0 sind besonders wichtig?

Dr. Constanze Holzwarth: In erster Linie müssen Manager ihre Denkmuster, Lösungsansätze und Strategien aus der Vergangenheit überdenken und erkennen, welche sich überholt haben und nicht mehr wirksam sind. Viele Erfolgsrezepte der Vergangenheit sind inzwischen kontraproduktiv.
Dieser Prozess ist für viele Manager eine riesige Herausforderung. Es bedeutet im ersten Schritt Selbstreflexion: sich mit sich selbst und den eigenen Denkmustern, Sichtweisen und Emotionen auseinander zu setzen.

Manager können nicht mehr allein den Überblick haben

Arbeitswelt 4.0 Leadership
„Vertrauenskultur, Management im Team und agiles Handeln sind sehr wichtig in der Führungskultur der Arbeitswelt 4.0.“ Dr. Constanze Holzwarth Foto: Rawpixel

Es gilt, das eigene Führungsverständnis kritisch zu überdenken. Viele Manager sind es gewohnt, einen Wissens- und Erfahrungsvorsprung zu haben, diejenigen zu sein, die den Überblick haben und die Ansagen machen. Heute ist es einem Manager gar nicht mehr möglich, diesen Überblick zu haben. Manager sind deutlich stärker auf die Kompetenz ihrer Mitarbeiter angewiesen und darauf, ehrlich und offen informiert zu werden.
Deshalb ergeben sich hieraus zwei eklatant wichtige Fähigkeiten: Gute Fragen stellen und zuhören können.

Employland: Schlagworte, die zum Thema Führungskultur aktuell im Umlauf sind, sind: Vertrauenskultur, Wertschätzung von Mitarbeitern, Management im Team, agiles Handeln.
Wie wichtig ist das alles wirklich?

Dr. Constanze Holzwarth:  Sehr wichtig!

Vertrauenskultur:
Führungskräfte sind heute und in Zukunft sehr viel stärker auf das Wissen, das Tun und die Innovationskompetenz Ihrer Mitarbeiter und Teams angewiesen. Deshalb müssen sie ihre Mitarbeiter zunehmend an der langen Leine führen, ihnen Entscheidungskompetenzen übertragen und auf ihre Loyalität, Integrität und Kompetenz vertrauen. Dies gelingt nur, wenn Vertrauen ein wichtiger Unternehmenswert ist und auch tatsächlich gelebt wird – nicht nur von einzelnen Managern, sondern im gesamten Unternehmen.

Manager müssen stärker mit anderen Führungskräften kooperieren

Ohne Wertschätzung der Mitarbeiter ist eine Vertrauenskultur nicht möglich. Nur wenn sich die oder der Einzelne mit seinen Bedürfnissen und Interessen gesehen und gewürdigt fühlt, ist er motiviert und bereit, sich engagiert einzubringen und seinerseits Vertrauen entgegen zu bringen.

Management im Team: Nicht nur die Zusammenarbeit zwischen Managern und ihren Mitarbeitern und Teams verändert sich. Manager müssen auch sehr viel stärker mit anderen Führungskräften kooperieren. Angesichts der immensen Komplexität, in der Manager agieren, ist gute Kommunikation und ein gutes Zusammenspiel im Management extrem wichtig, um die Herausforderungen zu bewerkstelligen.

Agiles Handelns ist unabdingbar

Agiles Handeln ist unabdingbar. Nur in agilen Unternehmen können Veränderungen schnell antizipiert und Anpassungen realisiert werden. Nur so können neue Produkte und Dienstleistungen schneller auf den Markt gebracht werden und den tatsächlichen Bedürfnissen der Kunden entsprechen.

Employland: Wie muss Führungskultur außerdem gestaltet werden, die in der Arbeitswelt 4.0 erfolgreich sein will?

Eine zentrale Rolle spielt eine hohe soziale Kompetenz aller Beteiligten

Dr. Constanze Holzwarth:  Die eben genannten Aspekte Vertrauenskultur, Wertschätzung der Mitarbeiter, Management im Team und Agilität sind wichtige Stützpfeiler einer Führungskultur 4.0.

Führung 4.0 muss auf Augenhöhe stattfinden. Manager müssen sich von bisherigen Machtstrukturen verabschieden und ihren Mitarbeiter mehr Eigenverantwortung übertragen. Natürlich müssen auch die Voraussetzungen geschaffen sein, dass Mitarbeiter bereit sind, diese Verantwortung zu übernehmen. Wichtig ist dabei eine offene Atmosphäre ohne Angst vor Fehlentscheidungen oder Kontrolle.
Voraussetzung ist ein Menschenbild, das davon ausgeht, dass Menschen normalerweise daran interessiert sind, ihr Bestes zu geben.

Eine zentrale Rolle spielt dabei eine hohe soziale Kompetenz aller Beteiligten im Umgang miteinander – also seitens der Manager wie der Mitarbeiter.

Arbeitswelt 4.0 Management
„Den Wettbewerb um gute Fach- und Führungskräfte werden künftig nur noch Unternehmen mit konsequent gelebter werteorientierter Führungskultur gewinnen können.“ Dr. Constanze Holzwarth Foto: gmast3r

Employland: Eine der größten Sorgen deutscher Manager ist laut einer aktuellen Umfrage von IW Consult und dem Wirtschaftsnetzwerk The Conference Board die Personalnot: Eine besonders große Rolle spiele dabei die Suche nach und die Entwicklung von kommenden Führungskräften:
Was müssen Manager tun, um eine der größten Herausforderungen – der Sicherung des Personalbedarfs – erfolgreich zu bewältigen? Kann die Digitalisierung hilfreich sein?

Dr. Constanze Holzwarth:  Die große Aufgabe des Managements ist es, das Unternehmen als attraktiven Arbeitgeber zu gestalten – so dass gute Führungskräfte und Mitarbeiter im Unternehmen bleiben und das Unternehmen attraktiv ist für neue Mitarbeiter.
Den Wettbewerb um gute Fach- und Führungskräfte werden künftig nur noch Unternehmen mit konsequent gelebter werteorientierter Führungskultur gewinnen können. Dazu gehören auch gute Entwicklungsmöglichkeiten für die Mitarbeiter. Führungskultur muss aktiv gestaltet werden – und zwar vom Management aus. Deshalb gehört es aktuell zu den wichtigsten Aufgaben des Managements, sich dieser Herausforderung energisch zu stellen.

Digitalisierung kann bei der Sicherung des Personalbedarfs durchaus hilfreich sein.
Digital innovative Unternehmen bieten häufig interessantere Aufgaben und Tätigkeiten sowie ein ansprechendes Arbeitsumfeld. Oft herrschen verbesserte und flexiblere Arbeitsbedingungen.

Employland:  Bieten die zunehmende Digitalisierung und die Vernetzung der Wirtschaft noch weitere Chancen?

Dr. Constanze Holzwarth:  Da tun sich sehr viele Chancen auf!

Immense Chancen für die Unternehmen ergeben sich in puncto Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit, zum Beispiel
– durch die Entwicklung innovativer Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle,
– durch erhebliche Effizienzsteigerungen und die Reduktion von Fehlerquellen in der Produktion,
– durch enorme Zeitersparnis durch mobile Arbeitsformen.

Auch für die Mitarbeiter ergeben sich große Chancen:
So können Digitalisierung und Vernetzung zu einer Entlastung im Arbeitsalltag beitragen, weil lästige Routinetätigkeiten übernommen und Fehlerquellen reduziert werden.
Zudem können immer mehr Mitarbeiter von überall aus auf ihre Arbeitsinhalte zugreifen. Arbeit wird somit für viele Mitarbeiter freier gestaltbar und in höherem Maße selbstbestimmt; die Einteilung der Arbeitszeit wird deutlich flexibler.

Um nur einige Chancen zu nennen…

Employland: Frau Dr. Holzwarth, haben Sie vielen Dank für das Interview!

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