Interview: Was Unternehmen tun müssen, um Fachkräfte zu sichern

Fachkräftemangel Fachkräfte Demografie

Als Unternehmensberater, Trainer und Betreiber des Demographie Blogs hat sich Betriebswirt und Politikwissenschaftler Rolf Dindorf  auf das Thema effektive (Führungs-)Kommunikation spezialisiert, um Fachkräfte zu finden, zu binden und zu qualifizieren. Rund um dieses Thema steht er Employland Rede und Antwort. 

Employland: Herr Dindorf, Sie schreiben den Demographieblog, rund um das Thema Fachkräftemangel. Doch nicht alle sind sich einig: Ist der Fachkräftemangel Spuk oder wahr? Was ist dran an der Behauptung, dass Deutschland nicht genügend Fachkräfte hat?

Rolf Dindorf: Die Presse wird in diesen Tagen dominiert von Überschriften wie „Fachkräftemangel bedroht den Mittelstand“ (Generalanzeiger), „Fachkräftemangel in Mainfranken: Es wird immer enger“ (Main-Post) oder „Umfrage: Fachkräftemangel deutlich spürbar“ (Verkehrsrundschau.)
Die Liste ließe sich ohne Probleme fortsetzen. Tatsächlich gehen annähernd 2,1 Millionen ältere Fachkräfte in sogenannten „Engpassberufen“ in den nächsten 15 Jahren in den Ruhestand. Allein im öffentlichen Dienst werden in Deutschland 194.000 Lehrkräfte sowie 276.000 Verwaltungsfachleute und Büroangestellte gemäß der aktuellen Studie „Fachkräftemangel im öffentlichen Dienst“ von PricewaterhouseCoopers fehlen.
Ist der Fachkräftemangel somit real? Man muss den Fachkräftemangel differenziert sehen. Je nach Branche, Region und Berufszweig kommt es mehr oder weniger zu massiven Fachkräfteengpässen.
Doch müssen sich die Unternehmen und öffentlichen Arbeitgeber fragen lassen, ob sie schon alles für die Fachkräftegewinnung getan haben. Gemäß des Berufsbildungsbericht 2017 bilden nur noch 20% der Betriebe aus. Dazu kommt, dass es in unserem Land immer noch annähernd 3 Millionen Arbeitslose gibt. Wie sieht es mit Studienabbrechern oder Behinderten aus? Menschen mit „Behinderung sind besonders häufig arbeitslos“ schreibt das Institut der deutschen Wirtschaft in seiner aktuellen Studie.
Potentiale lieben lernen lautet das Credo der Stunde.

Suchen Sie nach Mitarbeitern? Auf www.employland.de finden Sie Fachkräfte aus der ganzen Welt. Employland kümmert sich um die Aufenthalts- und Beschäftigungserlaubnis und die Anerkennung der Qualifikation. 

Employland: Was sind die größten Herausforderungen für deutsche Unternehmen in der Mitarbeiterbindung?

Rolf Dindorf: Der demographische Wandel bringt nicht nur Probleme mit sich, sondern auch neue Chancen für Betriebe und Verwaltungen. Wer sich frühzeitig auf die Entwicklung einstellt und geeignete Ideen entwickelt, wird sich beim Kampf um die besten Köpfe auf der Gewinnerseite wiederfinden. Mit anderen Worten: Die eigenen Rekrutierungsmuster sind zu hinterfragen. Anforderungsprofile gilt es kritisch zu reflektieren. Der schlimmste Feind ist vielleicht nicht die Konkurrenz, sondern ihr Werbeauftritt oder ihr Denk- und Handlungsmuster.
„Führen Sie einen Perspektivwechsel durch!“, mag man den Arbeitgebern zurufen. „Versetzen Sie sich in die Lage Ihrer (potenziellen) Fachkräfte. Reflektieren Sie deren Erwartungshaltung!“ So schreibt die Welt am 26.04.2017: „Deutsche Unternehmen sind auf Effizienz gepolt, nicht auf Innovation. Viele Mitarbeiter klagen, dass man ihre Ideen ignoriert. In Zeiten des Fachkräftemangels kann sich das böse rächen.“
70 Prozent der Beschäftigten sind emotional gering gebunden und machen lediglich Dienst nach Vorschrift (Engagement Index 2016 Gallup).
Die begabten Fachkräfte möchten „… in Firmen arbeiten, in denen eine Atmosphäre der Freiheit herrscht, daher zieht es besonders begabte Menschen in ganz bestimmte Firmen. Und Führungskräfte, denen es gelingt, die richtige Umgebung zu schaffen, ziehen die Begabten dieser Erde an“, schreibt der Personalchef von Google Laszlo Bock (Work Rules. München 2016. S. 11).

Employland: Der Name Ihres Blogs „Generation Silberhaar“ sagt es bereits: Ihr Thema ist vornean die Aktivierung des Arbeitspotenzials der älteren Generation. Kann damit der Fachkräftemangel aufgehoben werden?

„Der Fachkräftebedarf in der Pflege kann nur mit Unterstützung von Pflegefachkräften aus dem Ausland gedeckt werden“, Rolf Dindorf  Foto: KatarzynaBialasiewicz

Rolf Dindorf: Im Jahr 2020 werden etwa 19 Mio. Arbeitskräfte 45 Jahre oder älter sein. Sie tragen damit erheblich dazu bei, dass sich der Fachkräftemangel nicht noch weiter verschärft. „Kann man mit 50plus noch etwas leisten?“ ist somit nicht der springende Punkt. Vielmehr geht es darum den älter werdenden Belegschaften ein Arbeiten bis 67 zu ermöglichen. Sei es durch ein betriebliches Gesundheitsmanagement, Weiterbildung oder Karrieremöglichkeiten.
„Rund die Hälfte aller Erwerbstätigen, die 55 Jahre und älter sind, können sich gegenwärtig vorstellen, auch nach dem Eintritt in den Ruhestand einer bezahlten Beschäftigung nachzugehen“, schreibt das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). Auf dem Weg in die Zukunft sollten Unternehmen und öffentliche Hand Bedingungen schaffen, dass Mitarbeiter jenseits der Rente ihnen erhalten bleiben. Bosch und Daimler sind hier mit den entsprechenden Ansätzen schon gut im Rennen.

Employland: Ist Ihrer Meinung nach die Gewinnung von Fachkräften aus dem Ausland ein wichtiges Thema oder kann mit der Aktivierung des Inlandspotenzials dem Fachkräftemangel begegnet werden?

Rolf Dindorf: Wie schon angesprochen ist das Inlandspotenzials noch längst nicht ausgereizt. Trotzdem ist es sinnvoll für bestimmte Branchen bzw. Unternehmen, Fachkräfte aus dem Ausland zu rekrutieren. Man denke nur an die Pflege. Der Fachkräftebedarf kann nur mit Unterstützung von Pflegefachkräften aus dem Ausland gedeckt werden.
Bis zum Jahr 2021 plant rund die Hälfte aller kleinen und mittleren Unternehmen, gezielt ausländische Mitarbeiter zu rekrutieren sagt die staatseigene Förderbank KfW.

Employland: Haben kleine und mittlere Unternehmen die gleichen Möglichkeiten, ihre Mitarbeiterbasis zu sichern oder haben sie gegenüber größeren Unternehmen keine Chance sich im Wettbewerb um die besten Köpfe durchzusetzen?

Rolf Dindorf: Auch die großen Unternehmen kochen nur mit Wasser. Kleine und mittlere Unternehmen haben ihren ganz eigenen Charme und Potenzial. Im Mittelstand arbeiten annähernd 90% der Arbeitnehmer. So schlecht können die Bedingungen gar nicht sein. Viele KMU’s sind Branchenprimus oder sogar Weltmarktführer wie beispielsweise „Flexi“, „Igus“ oder „Wanzl“.
Nichtsdestotrotz müssen kleine und mittlere Unternehmen – gerade in Branchen mit Fachkräftemangel – etwas für ihre Arbeitgeberattraktivität tun. Das beginnt mit der langfristigen Personalplanung. Hier gilt es, sich einen Überblick über die derzeitigen und zukünftigen Kompetenzen beim Personal zu beschaffen. Welcher Personalbestand liegt vor. Wer geht wann mit welchen Kompetenzen in Rente? Was leitet sich aus den zukünftigen Unternehmenszielen für den Personalbedarf ab?
Dann gilt es aktiv zu werden. Die aktuellen Mitarbeiter sind doch die besten Markenbotschafter. Über persönliche Netzwerke und Mundpropaganda lässt sich neues Personal gewinnen.
Die Zielgruppe der Studienabbrecher wurde noch gar nicht erschlossen. Die jungen Leute haben schon etwas gelernt. Gleichzeitig erkannten sie aber, dass die Hochschule nichts für sie ist. Wunderbar. Ihr nächster Azubi steht vor der Tür. Ansprechen!

Mit welchen Optionen können KMU’s darüberhinaus Nachwuchskräfte ansprechen?
1. Forcierte Pressearbeit
2. Kooperationen mit Universitäten/Hochschulen
3. Sponsoring von Forschungseinrichtungen
4. Präsenz auf Hochschulmessen
5. Flexible Arbeitsmodelle
6. Gelebte Familien- und Pflegefreundlichkeit
7. Kurze Entscheidungswege und flache Hierarchien
8. Rasche Verantwortungsübernahme
9. Klare Unternehmenswerte
„Gerade unter Druck ist es wichtig, sich an die eigenen Werte zu halten“ gibt der Gründer der Baumarktkette Manfred Maus einen wichtigen Ratschlag (Nikolaus Förster: Mein größter Fehler. Hamburg 2016. S. 13).
Fazit: Alle Register ziehen und sich dabei treu bleiben.

Employland: Vielen Dank für das Interview, Herr Dindorf!

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Über Rolf Dindorf:
Schon seit seinem Studium und der Mitgliedschaft im Rat der Stadt Kaiserslautern beschäftigt sich der Betriebswirt und Politikwissenschaftler Rolf Dindorf mit dem (demographischen) Wandel und seinen Auswirkungen auf die Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen. Konsequent fokussierte sich der Führungskräftetrainer und -berater auf die daraus erwachsenen Herausforderungen wie das Finden und Binden von Fachkräften, dem vertrauensorientierten Führungsstil oder die altersgemischte Teamarbeit.

Auch in unserem Blog: Bereits heute verzeichnet der deutsche Mittelstand aufgrund des Fachkräftemangels Umsatzeinbußen in Milliardenhöhe. Deutschland braucht in den kommenden Jahren und Jahrzehnten Fachkräfte in Millionenhöhe. Nicht nur auf Akademiker, sondern auch auf Nicht-Akademiker ist Deutschland angewiesen, um seine starke Wirtschaftsleistung halten zu können. Dabei wird die Zuwanderung aus Nicht-EU-Ländern zunehmend wichtig. Mehr dazu erfahren Sie in diesem Beitrag. Auch interessant: Ob mit der Blue Card für Akademiker oder einem Aufenthalt für Nicht-Akademiker, ob mit dem Visum zur Arbeitsplatzsuche oder dem Gesetz zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse: Deutschland hat die Rahmenbedingungen für die Zuwanderung von Fachkräften aus Drittstaaten in den vergangenen fünf Jahren kontinuierlich verbessert, um im internationalen „war for talents“ erfolgreicher zu werden. Damit zählt Deutschland inzwischen zu den liberalsten OECD-Ländern, was die Zuwanderungsregeln angeht. Mehr erfahren Sie hier.

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