Indische Mitarbeiter: So gelingt die Integration am Arbeitsplatz

Onboarding indische Mitarbeiter

Indien ist nicht nur seit Jahren ein beliebtes Zielland für Outsourcing, vor allem im IT-Bereich, sondern auch zunehmend fürs Personalrecruiting in Deutschland. Indische Mitarbeiter sind oft attraktiv für deutsche Firmen, da sie beträchtliche fachliche Erfahrung mitbringen. Gerade für internationale Unternehmen haben internationale Teams deutliche Vorteile. Internationale Mitarbeiter bringen spezifisches Wissen mit, kennen ggf. lokale Markttrends, Kundenbedürfnisse, rechtliche Rahmenbedingungen. Sowohl kulturelle als auch besondere Sprachkenntnisse sind mehr als hilfreich, um internationale Märkte zu erschließen und internationale Kontakte aufzubauen und zu intensivieren.
Gleichzeitig bergen multikulturelle Teams auch Herausforderungen. Diesen sollten Sie am besten gekonnt begegnen, denn an einem hohen Personalwechsel ist Ihnen sicher nicht gelegen.

Ein Gastbeitrag der interkulturellen Trainerin Emily Slate.

Wenn indische Mitarbeiter in Deutschland ihren Arbeitsplatz kündigen, dann selten aufgrund sogenannter „Hard Facts“ wie der Bezahlung, der Arbeitsbelastung usw., sondern weil es ihnen nicht gelingt, sich am Arbeitsplatz zu integrieren.
Der Umgang mit interkulturellen Unterschieden fordert von Ihnen und Ihrer Belegschaft Empathie, ein Mindestmaß an Wissen über die Kultur Ihrer indischen Kollegen und Engagement, um mögliche Stolpersteine zu erkennen und zu umgehen.
Erfahren Sie, wie es Indern am deutschen Arbeitsplatz geht und was Sie tun können, um die Zusammenarbeit zu einem Erfolg zu machen.

Stolperstein Sprache und Phonetik

In Indien wird in der Geschäftswelt im Allgemeinen auf Englisch kommuniziert und Inder gehen häufig davon aus, dass dies in Europa auch so sei.
Manche Inder sprechen ein klares Englisch, andere sind für Deutsche schwieriger zu verstehen. Und nicht nur für Deutsche! Amerikanische und britische Firmen, die Call Center in Indien betreiben, schulen ihre indischen Mitarbeiter in Phonetik, damit sie für amerikanische bzw. britische Kunden verständlich sind.

Eine Minderheit sind Inder, die bereits mit guten Deutschkenntnissen nach Deutschland kommen. Sie haben sich diese dann meist bei einem Goethe-Institut in Indien angeeignet. Sie haben nicht nur sprachlich weit weniger Probleme, ihnen wurden in der Regel auch Einblicke vermittelt, wie Deutsche denken und arbeiten. Das erleichtert die Integration am Arbeitsplatz.

Tipp:
„Weisen Sie schon im ersten Skype-Gespräch explizit darauf hin, dass Ihre Unternehmenssprache Deutsch ist, denn ein Inder geht vielleicht nicht davon aus, dass das in Deutschland die Regel ist.

Die meisten Inder, die global arbeiten, sprechen gutes Englisch. Nehmen Sie aber nicht automatisch an, dass jeder Inder ein für uns verständliches Englisch spricht. Das können Sie leicht im Voraus in einem Telefonat prüfen.

Der erste Empfang und das Kennenlernen

In Indien sind die ersten Tage am neuen Arbeitsplatz in der Regel sehr kommunikationsintensiv. Die Kollegen wollen alles über den neuen Mitarbeiter wissen – Familienstand, Interessen, Ausbildung usw. Der Grundgedanke ist: Um mit dieser Person erfolgreich zusammenarbeiten zu können, muss erst eine persönliche Ebene und Vertrauen aufgebaut werden.

In den ersten Tagen an einem deutschen Arbeitsplatz liegt der Fokus hingegen eher auf Arbeitsinhalten und Arbeitsprozessen. Das Kennenlernen kommt später, und zwar dann, wenn man sich durch die gemeinsame Arbeit allmählich näherkommt. In Deutschland stellt man anfangs keine allzu persönliche Fragen, da dies eine Grenzüberschreitung wäre.

Man kann sich vorstellen, wie es dem Inder geht – das Persönliche fehlt. Kein Deutscher hat ihn nach seiner Familie gefragt, keiner hat allzu Persönliches von sich erzählt. Der Inder fühlt sich nicht angenommen. Natürlich neigt er dann stärker dazu, sich indischen Kollegen anzuschließen. Indische Mitarbeiter formen dann oft geschlossene Gruppen – man sieht sie oft zusammen in der Kaffeeküche oder im Gang.

Tipp:
Organisieren Sie an einem der ersten Tage des neuen indischen Mitarbeiters ein kleines Teamtreffen mit Erfrischungen. Machen Sie allen klar, dass dies ein erstes persönliches Kennenlernen ist – über die Arbeit wird anschließend gesprochen.
Wichtig ist nicht, dass man ‚typisch indische Themen’ wie Familie anspricht. Manche Deutsche fühlen sich unwohl dabei. Es genügt, wenn einfach gemeinsame Themen gefunden werden – welche Musik man gerne hört oder wie man gerne Urlaub verbringt. Inder schätzen es auch sehr, wenn man sich für ihr Land interessiert.

Die indische Höflichkeit und die Teufelsspirale

Indische Höflichkeit erlaubt es dem Neuankömmling nicht, auf andere zuzugehen. Entsprechend indischer Normen gibt man sich bescheiden und zurückhaltend und wartet ab, dass die „Alteingesessenen“ die Initiative ergreifen. Diese Haltung wird von Deutschen oft als Distanziertheit oder sogar Ablehnung wahrgenommen. So entsteht eine Teufelsspirale: Der neue indische Kollege wartet, dass andere auf ihn zukommen, die anderen bleiben fern, weil er keinen Schritt in ihre Richtung macht.

Tipp:
Führen Sie ein Mentoren- oder Patensystem ein, das nichts mit fachlicher Führung zu tun hat, und die Integration am Arbeitsplatz erleichtert. Die wichtigste Unterstützung besteht aus Kleinigkeiten – ab und zu eine Tasse Tee zusammen trinken, ab und zu einen anderen deutschen Kollegen dazu holen.

Indische Mitarbeiter und die Herausforderung Essen

Zum Einleben am Arbeitsplatz gehört für viele, gelegentlich mit den Kollegen in die Kantine zu gehen. Dies ist eine besondere Herausforderung für Inder, von denen viele vegetarisch essen. Für Vegetarier ist in der deutschen Essensauswahl oft nicht viel Passendes dabei, erst recht für Menschen, die keine Rohkost essen (ungekochtes Gemüse ist nicht üblich in Indien). Auch Inder, die zu Hause Fleisch essen, finden die ‚Präsentation‘ hier meist etwas gewöhnungsbedürftig. In Indien ist das Fleisch in der Regel kleingeschnitten und mit Sauce bedeckt. Ein Inder sagte mir: „Als ich nach Deutschland kam, habe ich zum erstes Mal in meinem Leben ein Stück totes Tier auf einem Teller gesehen.“
Aber vor allem fehlt die Schärfe. Maggi und Petersilie sind nicht ausreichend für Gaumen, die von klein auf von Dutzenden orientalischen Gewürzen – von Chili über Kurkuma bis hin zu Garam Masala – verwöhnt sind.

Tipp:
Sie können helfen, indem Sie die Leute in der Kantine bitten, auch einige scharfe Saucen (Tabasco, Chili, Sambal Oelek) anzubieten.

Indische Mitarbeiter
Wenn Ihr indischer Mitarbeiter sagt „Ja, ich habe alles verstanden“, war das möglicherweise lediglich höflich gemeint Foto: AshTproductions / Shutterstock.com

Hierarchische Strukturen zwischen Wissensvermittler und Lernendem

Auch bei der fachlichen Einarbeitung ist empathische interkulturelle Kommunikation gefordert. Historisch gesehen haben Gelehrte einen hohen Rang in der indischen Gesellschaft, und die Rolle des Wissensvermittlers ist immer eine, die Respekt einfordert. Die indische Lebens- und Arbeitswelt ist sehr hierarchisch strukturiert. Während wir in Deutschland daran gewöhnt sind, dass ein Anlernender Fragen stellt, wenn er etwas nicht versteht, pflegt sich das in Indien nicht. Dem Wissensvermittler Fragen zu stellen, kann als respektlos aufgefasst werden. Der Fragende deutet damit nämlich an, dass der Lehrende seine Inhalte nicht gut genug erklären kann.

Da ist höchste Sensibilität gefragt: Wenn ein Inder sagt, „Ja, ich habe alles verstanden“, nehmen wir das für bare Münze. Das sollten wir aber nicht, der indische Kollege war (möglicherweise) lediglich höflich.

Tipp:
Bei der Einarbeitung lassen Sie die indischen Kollegen aktiv zeigen, dass sie Ihre Erläuterungen nachvollziehen konnten. Haben Sie am besten einige Aufgaben parat, die die Inder lösen können. So können Sie prüfen, ob die Inhalte verstanden wurden.

Haben Sie keine Hemmungen – so macht man es auch in Indien. Indische Ausbilder prüfen ständig, da sie wissen, dass manche die Aussage „Das habe ich nicht verstanden“ scheuen.

Das Vertrauen als Schlüssel für die erfolgreiche Zusammenarbeit

Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit ist Vertrauen. Kenntnisse und Können sind die sachlichen Voraussetzungen. In der indischen Kultur gehört die zwischenmenschliche Beziehung aber auch dazu. Persönliches Vertrauen spielt für Inder eine zentrale Rolle. Deutsche, die mit Indern zusammenarbeiten, sind oft erstaunt, wie „unwesentliche Kleinigkeiten,“ wie z.B. ein gemeinsamer Ausflug auf dem Weihnachtsmarkt, die Zusammenarbeit merklich beeinflussen kann.

Gemeinsames Essen ist in jeder Kultur der Königsweg zum Kontakt. Wenn gemeinsame Kantinenbesuche aus den oben genannten Gründen schwierig sind, gibt es eins, das Inder hier lieben – unsere Süßigkeiten und Backwaren. Schokolade, Marzipan, Weihnachtsgebäck, süße Teilchen & Co sind heiß begehrt.

Letzter Tipp:
Bringen Sie mal Süßigkeiten mit ins Büro, und nehmen Sie sich die Zeit, mit den indischen Kollegen eine Tasse Tee zu trinken. Bedenken Sie, das Persönliche spielt eine viel größere Rolle in der indischen Arbeitswelt als hier. Sie ‚verlieren‘ eine halbe Stunde, aber dafür gewinnen Sie Vertrauen, das wiederum die Zusammenarbeit beflügeln wird!

Wichtig:
Natürlich ist die Integration am Arbeitsplatz ein Prozess, der das Engagement beider Parteien erfordert. Auch indische und andere internationale Kollegen sind gefragt, sich mit der Arbeitskultur und der Kommunikation der Deutschen auseinanderzusetzen.

Auch gilt es zu betonen, dass es sich bei den beschriebenen Charakteristika der indischen und der deutschen Kultur zwangsläufig um Generalisierungen handelt. „Sie erheben nicht den Anspruch, Individuen zu beschreiben. Die Individuen einer Kultur zeigen gehäuft Verhaltensweisen, die in der anderen Kultur in dieser Häufigkeit nicht beobachtet werden. Typisierungen sind immer ein wichtiges Instrument der Erkenntnis und der Orientierung, und das paradoxerweise umso mehr, je komplexer die Wirklichkeit ist, was für unsere multikulturelle Arbeitswelt nun tatsächlich zutrifft,“ sagt Dr. Sylvia Schroll-Machl und erläutert diesen Aspekt ausführlicher im Interview mit Employland.

Über die Autorin

Indische Mitarbeiter
Unsere Gastautorin Emily Slate ist interkulturelle Trainerin und Coach in München

Emily Slate ist freiberufliche interkulturelle Trainerin und Coach. Sie ist in Boston geboren und aufgewachsen und hat ihr Psychologiestudium in den USA und Kanada absolviert. Sie verfügt über langjährige Erfahrung in der Konzeptionierung und Durchführung von Trainings für Manager, Fach- und Führungskräfte und hat zahlreiche internationale Projekte betreut.

 

Auch in unserem Blog: Wenn Deutsche sich im internationalen Geschäftsleben ganz „normal“ verhalten, möchten sie, dass die Kooperation mit anderen „gut“ läuft: Deutsche Profis konzentrieren sich auf die Sachebene. Sie organisieren und planen, halten sich an Vereinbarungen, machen verbindliche Zeitpläne, lassen sich persönlich nicht stark verwickeln, äußern ihre Meinung und handeln selbstverantwortlich. Oder? – Dabei erweisen sich genau diese Tugenden, die weltweit an uns auffallen, oft als mentale Fettnäpfe. Ein Gastbeitrag von Dr. Sylvia Schroll-Machl, interkulturelle Trainerin und Autorin.

Beitragsbild:  Syda Productions / Shutterstock.com

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