Darum können Flüchtlinge nicht arbeiten

Hunderttausende Flüchtlinge kommen nach Deutschland. 600.000 Stellen sind auf dem deutschen Arbeitsmarkt frei: Flüchtlinge, die den Fachkräftemangel in Deutschland decken können? Im Kontext des Demografiewandels seien die Zuwanderer auch ein Geschenk, sagt Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles. Auch Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer sehe in den Flüchtlingen das Potenzial, die Stellen zu besetzen, sagt er der Welt.

Hürden in der Arbeitsvermittlung

Gleichzeitig vermute Nahles jedoch auch, nicht einmal jeder Zehnte bringe die Voraussetzung mit, direkt in eine Arbeit vermittelt zu werden, sagt sie der SZ, deshalb wolle die Arbeitsministerin eine Milliarde Euro dafür aufwenden, Flüchtlinge zu qualifizieren und in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer, so die Welt, sehe jedoch auch eine größe Hürde in den gesetzlichen Regelungen für Asylsuchende.

Die Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren, darauf pochen auch Unternehmen und Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise. Doch nicht nur er, auch Arbeitsministerin Nahles betont, dass die Vermittlung von Flüchtlingen in Arbeit schwierig sei und die Arbeitslosenzahl 2016 zunächst steigen würde.

Keine Daten über Qualifikationen der Asylsuchenden

Hindernisse, Flüchtlinge in Arbeit zu vermitteln, gibt es zahlreich.
Sie beginnen damit, dass es keine repräsentativen Daten darüber gibt, welche Qualifikationen die Asylsuchenden mitbringen.
Dieser Tage startet in Hamburg das Programm W.I.R. der Hamburger Sozialbehörde, der Agentur für Arbeit Hamburg, des Jobcenter team.arbeit.hamburg und weiterer Kooperationspartner, das eben solche Daten erfassen will. Ab Mitte Oktober werden mobile Teams der 20 W.I.R.-Mitarbeiter in die Erstaufnahmelager gehen, damit diese vor Ort erfassen, wer die Menschen sind, die dort leben: Ihre Lebenslage, ihre gesundheitliche Verfassung, auch ihre Schul- und Ausbildung – ein sogenanntes Vorscreening, an dem Flüchtlinge freiwillig teilnehmen können. Im Anschluss sollen sie individuelle Beratung in den neu entstehenden Räumlichkeiten am Millerntorplatz 1 erhalten: Welche Fördermöglichkeiten gibt es? Mit welchen Maßnahmen kann die Situation verbessert werden? Solche Maßnahmen können Deutschkurse, die Anerkennung der ausländischen Qualifikation oder Angebote zu Nachqualifizierungen sein. Bis 2016 sollen alle Flüchtlinge im erwerbsfähigen Alter mit guter Bleibeperspektive in der Datenbank der Bundesagentur für Arbeit aufgenommen und deren beruflichen Kompetenzen weiterentwickelt werden, so dass Arbeitsagentur und Jobcenter, die Flüchtlinge in Arbeit vermitteln können.
Diese Herausforderung ist groß, nicht nur für das Hamburger Programm, sondern generell:

Es fehlt an Sprachförderung für Asylsuchende

Das größte Problem sind mangelnde Deutschkenntnisse und der fehlende Zugang zu Sprachkursen während des laufenden Asylverfahrens: Nur wer als Flüchtling eine Anerkennung erhält, erhält vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die Förderung für einen Deutschkurs. Gleichzeitig dauern Asylverfahren oft mehrere Monate, manchmal Jahre. Dass Asylsuchende nach drei Monaten arbeiten dürfen, so Zeit online, nütze wenig, wenn es ihnen am erforderlichen Deutsch fehle. Die Arbeitsagentur dürfe nur berufsbezogene Deutschkurse fördern, die aber auf einem viel zu hohen Niveau ansetzten.

Anerkennung der Qualifikation wegen fehlender Dokumente ein Problem

Ein weiteres Problem: Die Anerkennung der ausländischen Qualifikation. Viele Flüchtlinge haben keine Dokumente bei sich, die ihren Abschluss belegen. Außerdem gibt es international unterschiedliche Ausbildungssysteme. „Ob die Fachkräfte auch in dem deutschen Ausbildungssystem entsprechend als qualifizierte Fachkräfte anerkannt werden, ist unklar“, sagt Knut Böhrnsen, Sprecher der Agentur für Arbeit Hamburg.
Ob eine Qualifikation in Deutschland als gleichwertig anerkannt wird, muss in einem Anerkennungsverfahren geprüft werden, gegebenenfalls sind Nachqualifizierungen notwendig.

Personalmangel in Arbeitsagentur und Jobcenter

Noch eine Herausforderung stellt sich in Arbeitsagentur und Jobcenter:
Flüchtlinge, die eine Anerkennung erhalten, gelangen in das Hartz-IV-System. Laut F.A.Z. rechnet das Bundesarbeitsministerium mit einer Zahl von 335.000 Flüchtlingen im kommenden Jahr, die in das Regelsystem übergehen: Arbeitsagenturen und Jobcenter seien ausgelastet, es fehle an Personal – 2000 Mitarbeiter müssten laut F.A.Z. allein für die Arbeitsförderung und -vermittlung eingestellt werden.

Vorrangprüfung verhindert Arbeitsaufnahme

Arbeitsrechtliche Gegebenheiten erschweren die Situation:
In den ersten drei Monaten unterliegen Asylsuchende einem Arbeitsverbot, danach haben sie einen nachrangigen Zugang zum Arbeitsmarkt. Das heißt, haben Sie eine Stelle gefunden, dann müssen sie für die Arbeitsaufnahme bei der Ausländerbehörde eine Erlaubnis beantragen, die wiederum den Antrag an die Bundesagentur für Arbeit weiterleitet, welche zustimmen muss. Bevor sie dies tut, prüft sie zweierlei: Ob der Asylsuchende nicht zu ungünstigeren Bedingungen beschäftigt wird als ein Deutscher und zweitens: Ob nicht eine bevorrechtigte Person vorhanden ist, die für den Job geeignet ist – ein Deutscher, ein EU-Bürger oder ein Flüchtling, der eine Aufenthaltserlaubnis hat. Diese sogenannte Vorrangprüfung, sagt die Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles, sei für viele Flüchtlinge eine unüberwindbare Hürde.

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