Deutsche Arbeitskultur: Privates und Beruf gehören getrennt

Bevor Gerd Höfner die Leitung der IT-Abteilung von Siemens in Bangalore/Indien übernahm, besuchte er ein interkulturelles Training, so war er vorbereitet:

„Ich habe mich in Bangalore als Erstes mit allen Abteilungsleitern ausführlich über persönliche Dinge unterhalten. Bist du verheiratet? Wie viele Kinder hast du?“, sagt Gerd Höfner dem Spiegel.

Das kam gut an. Aus seinem vorangegangenen Training wusste er, dass die Familie in Indien auch für den Berufsalltag eine wichtige Rolle spielt.

Im deutschen Job hat Privates nichts zu suchen

Sich entsprechend vorzubereiten, hilft in einer neuen kulturellen Arbeitswelt zurechtzukommen. So wie IT-Abteilungsleiter Höfner sich auf persönliche Gespräche einstellen musste, heißt’s umgekehrt:
Wer nach Deutschland zum Arbeiten kommt, sollte auf das Gegenteil vorbereitet sein. Hier könnten persönliche Fragen – insbesondere unmittelbar zu Beginn einer geschäftlichen Beziehung – irritieren. Denn Norm ist hier: Privates gehört nicht ins Business.
Jemand, der aus einer personenbezogenen Kultur wie der indischen kommt, könnte sich beim deutschen Geschäftstreffen vor den Kopf gestoßen fühlen – wenn der Smalltalk, der in seiner Kultur für den Beziehungsaufbau essentiell ist, übergangen wird.

Sachebene oder Beziehungsebene? Kulturunterschiede

Das aber ist nicht unwahrscheinlich – und auch nicht unhöflich. Die Trennung  zwischen Beruf und Privatem ist in Deutschland gängig. „Sachorientierung“ nennt es die interkulturelle Trainerin und Autorin Sylvia Schroll-Machl in ihrem Buch „Wir Deutschen. Fremdwahrnehmung und Selbstsicht im Berufsleben“: Es gebe immer zwei Ebenen, wenn Menschen sich begegnen – die Sachebene, auf der man beruflich inhaltlich arbeitet und die zwischenmenschliche Ebene, die auf der Atmosphäre zwischen den Beteiligten beruht. Kulturunterschiede treten da auf, wo Menschen einer Kultur die Sachebene als entscheidend und Menschen der anderen Kultur die Beziehungsebene als entscheidend empfinden – während beide Ebenen eine Rolle spielen, haben sie unterschiedliche Bedeutungen für die Partner.

Der deutsche Arbeitsstil ist sachlich und zielorientiert

In Deutschland ist es in der Regel die Sachebene, die zählt so Schroll-Machl. Im Zentrum stehen die Rollen und die Fachkompetenzen – sie sind ausschlaggebend, nicht persönliche Faktoren.
Ein Geschäftstreffen ist zielorientiert, es dient der Sache. ‚Geplaudere‘ bedeutet, vom Zweck des Treffens abzukommen und gilt als unprofessionell. Im Umkehrschluss: Professionell ist, wer strukturiert bei der Sache ist und Emotionen kontrolliert.

 

Lesen Sie auch:

Ein indischer Ingenieur in Deutschland berichtet

Die Deutschen und das Auto

Deutschland-Knigge – mit gutem Benehmen Unmut vermeiden

Beitragsbild: Shannon Fagan / Dreamstime.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.